Intuition

Rein sachlich betrachtet stammt der Begriff Intuition vom lateinischen intueor ab: dem Wort für sehen!

Aber „sehen“ als rein optische Sinneswahrnehmung spielt bei der Intuition eine eher untergeordnete Rolle. Bei der schwierigen Definition des Begriffes sind Synonyme und artverwandte Formulierungen deutlich hilfreicher. Bauchgefühl beispielsweise, aber auch Eingebung und Vorahnung und sogar Wahrsagen sowie Hellsehen gehören in diesen Terminus, der Intuition eine Bedeutung geben soll. Gelegentlich wird diese Fähigkeit auch als sechster Sinn bezeichnet oder als das dritte Auge.

Versuch einer Definition

Fest steht, dass menschliche Intuition nicht in dem Teil des Gehirns ihren Platz hat, in dem logische Denkprozesse stattfinden. Vielmehr ist dieses Bauchgefühl die Fähigkeit, ohne eine
bewusste, logische Argumentation einen Sachverhalt sofort zu verstehen. In der Regel folgt diesem Verstehen eine Handlung, eine Entscheidung, die nicht aus der Logik geboren ist.

Wie funktioniert dieses Bauchgefühl?

Der Mensch ist in dieser Hinsicht unter allen lebenden Arten einzigartig. Wir haben fünf aktive Sinne, die die ganze Zeit während unserer Wachstunden arbeiten und selbst im Schlaf auf
Teilbereitschaft geschaltet sind. Diese fünf Sinne, Sehvermögen, Hören, Geschmack, Berührung und Geruch sind der Zugang zu unserem Geist.

Sinne sind nach außen gerichtet und sind die wichtigen Kanäle für den Informationsaustausch zwischen Geist und Umgebung. Die fünf Sinne werden durch das Gehirn geleitet, wo Eingaben schnell analysiert werden und wir dann aus den Informationen Schlussfolgerungen ziehen. Dies ist der normale Weg, auf dem wir zu Entscheidungen kommen. In seltenen Fällen kommunizieren die Sinne auf direktem Wege untereinander, bevor die gesammelten Informationen den Verstand erreichen. Auf dieser Basis gefällte Entscheidungen sind intuitiv erfasst, also ohne Beteiligung des Verstandes entstanden.

Unsere fünf Sinne

Die Fähigkeit der fünf Sinne ist relativ begrenzt. Jeder der fünf Sinne verfügt über einen einzigartigen Satz von Rezeptoren, die bestimmte Impulse aufnehmen können. Der Mind-Brain-Komplex
leistet einen großartigen Beitrag, um aus diesen Impulsen ein umfassendes Erlebnis zu schaffen. Während eines Essens in einem gehobenen Restaurant vereinen sich beispielsweise Anblick, Geruch, Geschmack und Klang zu einem einzigartigen gastronomischen Erlebnis. Die Reichweite jedes Sinnesorgans variiert. Zum Beispiel wird der Tastsinn nur bei direktem Kontakt aktiviert.

Wir können aus angemessener Entfernung Gerüche wahrnehmen. Unser Gehör hat eine größere Reichweite. Der Sehsinn hat bei weitem die größte Reichweite. Wir können die Sonne
sehen und die Sterne, die Millionen von Kilometern entfernt sind. Der eine gemeinsame Faktor für alle fünf Sinne ist, dass es einen externen Reiz geben muss. So können die Augen keinen Gegenstand sehen, der nicht da ist. Einen geruchlosen Gegenstand kann unsere Nase nicht registrieren und absolute Stille können die Ohren nicht hören. Aber einige Menschen können genau dies intuitiv erfassen.

Der 6. Sinn und seine Funktionsweise

Der sechste Sinn oder die Intuition funktionieren ganz anders. Dieses Bauchgefühl ist nicht mit den fünf Sinnen verbunden und ist keine Erweiterung von ihnen. Die Intuition kann nicht gemessen werden. Wir können die Funktionalität der anderen Sinne messen. Beispielsweise können Sehschärfe und Hörvermögen gemessen werden, genau wie die Nervenleitgeschwindigkeit unseres Tastsinnes. Die Quelle, aus der Informationen für die Intuition stammen, ist unbekannt. Vielleicht gibt es schlafende Zentren im Gehirn, die aktiviert werden und sich mit anderen Bereichen des Geistes verbinden, so eine häufig geäußerte Vermutung namhafter Wissenschaftler.

Im Vergleich zu den anderen Sinnen, erfordert die Intuition eine tiefere Empfänglichkeit. So viel ist klar, Intuition funktioniert nicht, wenn der Geist mit anderen Dingen beschäftigt ist.
Die Tatsache, dass die Kraft der Intuition beim Menschen nicht gut entwickelt ist, lässt darauf schließen, dass sie nicht in erster Linie dazu dient, Informationen aus der Außenwelt abzuleiten.
Es ist hauptsächlich ein Werkzeug, um ein tieferes Verständnis unserer wahren Natur zu entwickeln. Es ist ein Eingebung, die uns einen Weg zeigt oder eine Lösung bietet, was wir nie gesehen hätten, würden wir nur den Verstand gebrauchen.

In unserer modernen, von Technologien besessenen Welt wird der Intuition nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die ihr gebührt.

Das erkannte bereits Albert Einstein, der sagte:

„Der intuitive Geist ist eine heilige Gabe, und der rationale Geist ist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, die den Diener ehrt und die Gabe vergessen hat.“

Zweifelsfrei war Einstein nicht nur ein überaus heller Kopf, sonder auch besonders intuitiv begabt.

Er sagte beispielsweise die Existenz von Schwarzen Löchern voraus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es keine Instrumente, um seine Theorien zu beweisen oder zu widerlegen. In der Tat sind seine Entdeckungen nicht durch den Gebrauch der fünf Sinne zustande gekommen. Dazu muss er sich eine ausgeprägte intuitive Fähigkeit angeeignet haben. Seine Entdeckungen haben den Test der Zeit bestanden. Vieles, was wir in der modernen Welt für selbstverständlich halten, wie beispielsweise das GPS, hängt von Informationen aus Einsteins wissenschaftlichen Enthüllungen ab.

Ein weiteres berühmtes Beispiel für intuitive Fähigkeiten ist der indische Mathematiker Srinivasa Ramanujan. Da er keine formale Ausbildung in Mathematik hatte, entwickelte er selbstständig fast 4000 einzigartige mathematische Konzepte und Gleichungen. Diese werden noch heute entziffert und selbst Jahre nach seinem Tod liefern seine Notizbücher immer wieder neue Erkenntnisse und Informationen, die alle neuen, modernen Bereiche in der Mathematik abdecken.

Kann ich Intuition lernen oder stärken?

Da Intuition nicht messbar ist, gibt es auf diese Frage derzeit keine klare Antwort. Aber – zahllose Personen, die durch Meditation, Yoga, Tai Chi und andere Konzentrationsübungen ihre innere Ruhe ausgebildet haben, berichten auch, sie würden häufiger intuitiv handeln. Die Anhäufung von Wissen kann die Intuition nicht stärken. Wissen ist das Endprodukt der Informationsaufnahme über die fünf Sinnesorgane. Egal wie tief oder umfangreich die Wissensbasis sein mag, sie kann uns nur nackte Fakten bereitstellen.

Währenddessen ist das Endprodukt der Intuition die Weisheit. Sie kommt blitzschnell und beinhaltet keine Vermittlung von Gedanken. Es ist keine Interpretation dessen, was sich bereits in unserer Wissensbasis befindet, sondern eine plötzliche Offenbarung. Blitze der Intuition entstehen, wenn Gedanken inaktiv sind und der Geistesraum transparent und offen ist. Der denkende Geist ist abgeschaltet und der empfangende Geist ist frei.

Man stelle sich ein Labyrinth vor. Sobald wir ein solches Labyrinth betreten, sind wir gezwungen, in eine bestimmte Richtung zu gehen. Barrieren hindern uns daran, über das Labyrinth zu schauen, um einen kürzeren Weg zu finden. Eine gut entwickelte Intuition kann uns helfen, den kürzesten Weg aus dem Irrgarten zu finden, ohne dass es dafür eine logische Erklärung gibt. Dies ist trainierbar, soll heißen, Menschen können Intuition lernen und die vorhandene Fähigkeit der Intuition stärken, weiter ausbilden.

In unserer kopfgesteuerten Welt scheitern allerdings die meisten Menschen an sich selbst, denn sie haben kein Vertrauen in die eigenen intuitiven Fähigkeiten, in das intuitive Erfassen von
Situationen. Anders bei intuitiv besonders begabten Personen. Diese sind in der Lage den denkenden vom empfangenden, vom offenen Geist zu trennen. Vermutlich hat auch Hellsehen und Wahrsagen damit zu tun, denn hierbei handelt sich offensichtlich im extrem talentierte Menschen, deren zumeist weibliche Intuition weit über dem des Normalen einzuordnen ist.
Gerade hier ist besonders auffällig, dass überwiegend von der weiblichen Intuition gesprochen wird, geht es um Wahrsagen oder Hellsehen. Es gibt zahllose Wahrsagerinnen und Hellseherinnen, aber scheinbar nur wenige männliche Vertreter mit derartigen Fähigkeiten. Männer sollen den Verstand gebrauchen, so zumindest lautet die allgemeine Ansicht in Mitteleuropa. Diese fließt ungefiltert in die Kindererziehung ein und wirkt dort prägend. Ganz anders in afrikanischen, asiatischen oder karibischen Ländern, wo oftmals die berühmtesten Hellseher Männer sind. Daraus ergibt sich die Frage, ob es für europäische Männer nicht sinnvoll wäre, wenn sie Intuition lernen oder eine verkümmerte Fähigkeit zur Intuition stärken würden?

Dadurch wird sich im Sprachgebrauch der Begriff weibliche Intuition wohl nicht verdrängen lassen, aber ganz sicher würden auch Männer fähig sein, mit der einen oder anderen besonderen Eingebung zu beeindrucken.

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